Harmonisch und monumental - Lukas Keck und das Sinfonieorchester der Neuapostolischen Kirche musizierten Griegs Klavierkonzert.
Tübingen. Ein bemerkenswert harmonischer, geeinter Klangkörper. Seit 1988 gibt es im Kirchenbezirk Freiburg/Tübingen der Neuapostolischen Kirche ein Orchester mit längst symphonischer, aktuell 65-köpfiger Besetzung, offen für alle Interessierten. Die Leitung liegt seit 2014 bei Roland Wintzen, Finanzbürgermeister der Stadt Reutlingen.
Am Sonntag war das Sinfonieorchester Freiburg/Tübingen in der Stiftskirche zu Gast, musizierte Griegs Klavierkonzert und Dvoráks Symphonie „Aus der Neuen Welt“. Wer mit Bedenken wegen der Akustik kam, war gleich bei der Ouvertüre überrascht, wie souverän und flexibel Dirigent und Orchester mit dem Nachhall umgingen. Eben die Ouvertüre zu Max Bruchs Oper „Loreley“: in raunendem Balladen-Ton, mit dem Pathos der Gründerzeit und großem romantischem Klang, nobel und schwelgerisch opulent.
Solist bei Grieg war der Tübinger Lukas Keck, Jahrgang 2004. Klavierschüler von Christian Schomers und Angela-Charlott Linckelmann. Nach dem Abitur am Wildermuth-Gymnasium inzwischen Klavier-Student bei Nicholas Rimmer in Freiburg.
Anrollendes Pauken-Crescendo. Dann ließ Keck die berühmten Oktav-Kaskaden zu Beginn des Grieg-Konzerts mit effektvoller Beschleunigung über die Klaviatur donnern. Im Zusammenspiel mit dem Orchester klang auf dem Bösendorfer-Flügel manches zunächst noch etwas weich und dumpf. In der Solo-Kadenz hatte Keck dann Raum, vielfältige Klangfarben zu zeigen, kleinteilig auszugestalten. Schön pointiert und geperlt die Spitzentöne im Diskant. Auch das Adagio gefiel, mit träumerisch aufsteigenden Wellenschlägen im Klavier und wehmütig verklingendem Horn-Solo. Lieblich-herbe nordische Klanglandschaften im Finale. Auch hier hätte der Klavierpart mitunter kerniger und prägnanter akzentuiert sein dürfen. Aber die Musizierlust riss mit: die Schlusstakte eine einzige große naturgewaltige Hymne. Keck wurde von den 750 Zuhörern mit großem Beifall gefeiert und bedankte sich mit „Solveigs Lied“ aus Griegs „Peer Gynt“.
Hatte das Orchester bereits bei Bruch und Grieg begeistert, legte es mit Dvoráks Symphonie Nr. 9 nochmal einen glänzenden Wurf hin. In allen Stimmen und Registern gleichermaßen stark; musikantisch aufeinander eingespielt. Ein klar durchhörbarer Orchesterklang, ausbalanciert und tiefengestaffelt. Wintzen beeindruckte als versierter Orchesterleiter: alles im Blick und Ohr, gut absichernd und dabei gestalterische Freiräume öffnend, etwa für die schönen Bläser-Soli. Gekonnt die retardierenden Momente. Und auch hier eine staunenswert monumentale, alles in rückhaltlosem Fortissimo krönende Schluss-Apotheose.
Quelle: Südwestpresse Tübingen, Regionale Kultur, 23. Oktober 2025
Autor: Achim Stricker