Anlässlich des 100-jährigen Jubiläums wurde eine Festschrift erstellt, die eine Chronik enthält und auf Anfrage erhältlich ist.
Liebe Festgemeinde, liebe Jubilare, liebe Anwesende aus nah und fern!
Herzlich willkommen zu unserer Andacht anlässlich eines besonderen Jubiläums! Ich bitte schon mal vorab um Verzeihung, dass ich von den Ereignissen aus 100 Jahren Gemeindegeschichte, über die ich jetzt berichten werden, fast nichts aus eigenem Erleben weiß: Immerhin bin ich erst seit einem Jahr hier in in der Kirche Ammerbuch-Pfäffingen als Gemeindevorsteher aktiv, wohne nicht hier, sondern auf halbem Weg zwischen Tübingen und Reutlingen und bin noch nicht einmal Schwabe!
Aber da ich nun schon einmal hier am Mikrofon stehe, erlauben Sie mir bitte ein paar Seiten der Chronik aufzuschlagen und uns allen zu erläutern, wie es so weit kommen konnte, dass wir uns heute hier eingefunden haben.
Sie wissen vielleicht, z. B. aus dem Lesen unserer Festschrift, dass die Ursprünge unserer Kirchengemeinde ein paar km weiter östlich in Unterjesingen, heute einem Teilort von Tübingen liegen. Lassen Sie mich aber noch ein wenig weiter ausholen:
Ich erwähnte gerade Reutlingen und eben dorthin pilgerten bis ins Jahr 1908 einige Tübinger Bürger zu den Gottesdiensten in die dort zwei Jahre zuvor gegründete Apostolische Gemeinde. Man kann sich das bildlich vorstellen: Sonntagmorgen, eine Pferdekutsche wird gesattelt, oder man macht sich zu Fuß oder per Bahn auf den Weg, um das Seelenheil in Reutlingen zu suchen. Das war noch echtes Engagement, kein Streaming-Gottesdienst vom Sofa aus! Am 13.11.1908 wurde Priester Jakob Lamparter als Vorsteher der neugegründeten Kirchengemeinde in Tübingen eingesetzt.
Im Jahre 1912 wurden zwei wackere Frauen aus Unterjesingen, Mathilde Gamerdinger und Elisabeth Seybold, zu den Gottesdiensten nach Tübingen eingeladen. Die Gottesdienste müssen einen bleibenden Eindruck hinterlassen haben, denn die beiden Schwestern wurden bald darauf aufgenommen und wurden am 1. Mai 1913 versiegelt. Ihre Begeisterung, für das, was sie im Glauben gefunden hatten, strahlte in ihre Umgebung aus. Es kam in den nächsten Jahren der Wunsch auf, neuapostolische Gottesdienste auch in Unterjesingen abzuhalten. Mangels geeigneten Möglichkeiten versammelte man sich in Wohnräumen, u. a. bei Familie Gamerdinger.
Dann kam der große Tag: Am 1. Januar 1925 – und da sind wir bei unserem Hauptthema angekommen – wurde die Gemeinde Unterjesingen selbständig und mit 13 Seelen von der Gemeinde Tübingen abgetrennt. 13 Seelen! Heute würden wir sagen: Ein ambitioniertes Start-up! Aber mit Priester Wilhelm Gugel als erstem Vorsteher hatten sie eine Führungspersönlichkeit, die ihre Schäfchen schon bisher betreut hatte und dies bis in die Kriegszeit getreulich tat.
Die Gemeinde wuchs, zwischenzeitlich zog man für einige Jahre ins Gasthaus "Zum Hirsch" – ja, Sie hören richtig, in ein Gasthaus! – und wieder zurück zu Familie Gamerdinger. Priester Eugen Gamerdinger, der Sohn von Mathilde Gamerdinger, wurde 1942 selbst Vorsteher und damit Nachfolger des Bezirksevangelisten Jakob Lamparter (dem ehemaligen Vorsteher von Tübingen), der diese Aufgabe kurzzeitig übernommen hatte. Tragischerweise kam Eugen Gamerdinger 1947 bei einem Unglücksfall ums Leben. Ein großer Verlust für ganz Unterjesingen.
Aber die Gemeinde ließ sich nicht unterkriegen. Man suchte sogar nach einer größeren Versammlungsstätte, und der damalige Bürgermeister stellte 1949 einen Schulsaal zur Verfügung. – Ich sehe schon die Tafelkreide fliegen, wenn die Predigt zu lang wurde! Schließlich, 1956, der große Wurf: Das erste eigene Kirchengebäude wurde eingeweiht! Ein stolzer Moment für die Gemeinde, mit viel Eigenleistung gebaut. Renovierungen folgten, neue Amtsträger kamen und gingen. Die Gemeinde wuchs auf über 100 Mitglieder an. Man hatte eine Flötengruppe, eine Streichergruppe und sogar eine Vizedirigentin im Chor, was für die damalige Zeit untypisch war!
Doch dann musste der nächste „Umzug“ geplant werden: Das alte, liebevoll gepflegte Kirchlein hatte einen entscheidenden Nachteil: Seine Hanglage machte es für viele ältere Gemeindemitglieder unzugänglich. Nachdem etliche Grundstücke geprüft und ausgeschlossen worden waren, fand sich in Pfäffingen ein passendes für einen Kirchenneubau. Ein Steinwurf von Unterjesingen entfernt, aber ein neuer Name: Ammerbuch-Pfäffingen. Man kann also sagen, die Gemeinde ist über die Jahre gewachsen – nicht nur an Mitgliedern, sondern auch an geografischer Reichweite und Namenslänge!
In seinem Grußwort anläßlich des Richtfests am 05.07.2002, also genau heute vor 23 Jahren, erwähnte der damalige Bürgermeister von Ammerbuch, Friedrich von Ow-Wachendorf – sicher noch vielen von Ihnen bekannt: „Ich wünsche mir, dass diese Kirche nicht nur ein Ort der Begegnung, sondern auch der Gemeinschaft wird.“ – Das hat sich wahrlich erfüllt.
Heute feiern wir 100 Jahre, eine beeindruckende Zeitspanne voller Glauben, Gemeinschaft und ja, auch ein paar Umzügen. Von Reutlingen und Tübingen nach Unterjesingen und nun hierher nach Ammerbuch-Pfäffingen. Jede Station hat ihre Spuren hinterlassen und uns zu dem gemacht, was wir heute sind: Eine lebendige Gemeinde, die ihre Wurzeln ehrt und gleichzeitig mutig in die Zukunft blickt.
Lassen Sie uns heute nicht nur zurückblicken und schmunzeln über die Anfänge, sondern auch dankbar sein für all die Glaubensgeschwister, die diesen Weg bereitet haben. Mögen die nächsten 100 Jahre ebenso gesegnet sein, vielleicht mit weniger Umzügen, aber immer mit dem lebendigen Geist, der uns verbindet.
Auf die nächsten 100 Jahre!
(Rolf-Oliver Bickel)